Mehr als 60 Teilnehmende informierten sich im Deutschen Hygiene-Museum Dresden über moderne Therapieansätze und diskutierten gemeinsam über Chancen, Risiken und gesellschaftliche Fragen der Medizin von morgen
Wie viel Risiko ist bei einer neuen Therapie vertretbar? Wem kann man vertrauen, wenn von medizinischen Durchbrüchen die Rede ist? Und wer sollte Zugang zu aufwendigen und teuren Behandlungen erhalten? Über diese und weitere Fragen diskutierten am 7. Oktober mehr als 60 Bürger:innen beim SaxoCell®-Bürgerforum „ZUGEHÖRT! – Was bringt die Medizin der Zukunft?“ im Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Im Mittelpunkt standen neben Einblicken in aktuelle Forschung vor allem die Perspektiven der Teilnehmenden.
Im Großen Saal des Deutschen Hygiene-Museums kamen Menschen verschiedener Generationen zusammen, um mehr über Zell- und Gentherapien zu erfahren und sich über deren Chancen und gesellschaftliche Auswirkungen auszutauschen. Das SaxoCell®-Team hatte unter dem Titel „ZUGEHÖRT! – Was bringt die Medizin der Zukunft?“ zu einem Abend eingeladen, der wissenschaftliche Einblicke mit einem offenen Bürgerdialog verband.
Nach einer ersten anonymen Live-Abstimmung zur Frage „Denken Sie, dass Zell- und Gentherapien irgendwann Standard in der Medizin werden könnten?“ und einer kurzen Vorstellung des sächsischen Zukunftsclusters SaxoCell® standen zunächst zwei Beispiele aus Medizin und Forschung im Mittelpunkt.
Von der CAR-T-Zelltherapie in der Klinik zu HemRec in der Forschung
Prof. Dr. med. Martin Wermke, Onkologe am Universitätsklinikum Dresden, Professor für Experimentelle Tumortherapie und Leiter der Early Clinical Trial Unit am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Dresden (NCT/UCC), stellte die CAR-T-Zelltherapie vor. Bei dieser Behandlung werden Immunzellen genetisch verändert, damit sie bestimmte Krebszellen gezielt erkennen und bekämpfen können. Die Therapie wird bereits bei ausgewählten Blut- und Lymphkrebserkrankungen eingesetzt. Wermke erklärte, welche Patient:innen davon profitieren können, wie die Behandlung praktisch abläuft und warum trotz vielversprechender Erfolge auch erhebliche Nebenwirkungen auftreten können.
Einen Einblick in die Entwicklung neuer Therapien gaben anschließend Dr. Manavi Jain und Dr. Lukas Theo Schmitt aus der Forschungsgruppe Medical Systems Biology von Prof. Dr. Frank Buchholz an der TU Dresden. Jain arbeitet dort als Postdoktorandin, Schmitt als Bioinformatiker. Die beiden stellten den Forschungsansatz HemRec vor.
HemRec ist ein präzises biologisches Werkzeug, das an einer bestimmten Stelle der Erbinformation ansetzt. Die Idee dahinter: Blutbildende Stammzellen sollen so verändert werden, dass sie wieder mehr fetales Hämoglobin bilden – eine schützende Form des roten Blutfarbstoffs. Damit könnten sich künftig neue Behandlungsmöglichkeiten für schwere erbliche Bluterkrankungen wie die Sichelzellkrankheit eröffnen. Anders als die bereits klinisch eingesetzte CAR-T-Zelltherapie befindet sich HemRec noch in der Forschung. Entsprechend ging es auch darum, welche Hürden bis zu einer möglichen Anwendung bei Patient:innen noch überwunden werden müssen.
Drei Thementische und jede Menge Diskussionsstoff
Nach den Einblicken in die Forschung konnten die Bürger:innen selbst aktiv werden: In drei jeweils 30-minütigen Gesprächsrunden wechselten die Teilnehmenden zwischen den Thementischen „Erwartungen und Vertrauen“, „Risiken und Grenzen“ sowie „Zugang und Teilhabe“. Jede neue Gruppe konnte die Überlegungen der vorherigen aufgreifen, hinterfragen und ergänzen. Bei der Moderation erhielt das SaxoCell®-Team tatkräftige Unterstützung von drei Kolleginnen des TUD|excite, denen dafür ein besonderer Dank gilt.
Am ersten Tisch standen echte Medienüberschriften über Zell- und Gentherapien auf dem Prüfstand. Wie verändert sich die Einschätzung einer Schlagzeile, wenn plötzlich bekannt ist, von welchem Medium, welcher Forschungseinrichtung oder welchem Unternehmen sie stammt? Welche Informationen fehlen, wenn von einer Heilung oder einem medizinischen Durchbruch berichtet wird? Die Gruppen untersuchten, wie Berichterstattung Erwartungen beeinflusst und was Informationen vertrauenswürdig macht.
Am zweiten Tisch wurde es grundsätzlicher. Anhand verschiedener Szenarien diskutierten die Teilnehmenden, wie viel medizinisches Risiko sie unter welchen Umständen akzeptieren würden. Ist ein schwerwiegender Eingriff gerechtfertigt, wenn es keine andere Behandlungsmöglichkeit gibt? Sollte man Gene auch verändern dürfen, um Krankheiten vorzubeugen? Und wo endet die Behandlung einer Erkrankung und beginnt die genetische Verbesserung gesunder Menschen?
Der dritte Tisch beschäftigte sich mit Fragen der Gerechtigkeit. Wenn weniger Therapieplätze verfügbar sind als Menschen, die behandelt werden könnten, nach welchen Kriterien sollte entschieden werden? Dürfen Alter, Wohnort oder finanzielle Möglichkeiten dabei eine Rolle spielen? Außerdem diskutierten die Gruppen, in welchem Umfang Patient:innen und Bürger:innen bei Forschungsprioritäten, klinischen Studien und der Entwicklung von Zugangsregeln beteiligt werden sollten.
Nicht immer kamen die Gruppen dabei zum gleichen Ergebnis – dies war auch nicht Ziel des Abends. Das Bürgerforum machte vor allem sichtbar, welche Hoffnungen und Erwartungen Menschen mit Zell- und Gentherapien verbinden, wo Unsicherheit oder Sorge besteht und welche Bedingungen Vertrauen schaffen können. Unterschiedliche Argumente und auch offene Streitpunkte wurden deshalb bewusst festgehalten.
Kein Nein und trotzdem keine einfache Antwort
Zum Abschluss wurden die wichtigsten Erkenntnisse aus den drei Thementischen zusammengetragen. Eine erneute Live-Abstimmung griff die Eingangsfrage auf, ob Zell- und Gentherapien eines Tages zum medizinischen Standard gehören könnten. Trotz geringerer Beteiligung als zu Beginn zeigte sich dabei ein ähnliches Stimmungsbild: Mehr als 40 % der Abstimmenden beantworteten die Frage mit „Ja“, mindestens genauso viele würden dies von der jeweiligen Erkrankung bzw. Therapie abhängig machen und ein kleiner Teil der Leute konnte dies nicht einschätzen. Mit „Nein“ wurde zu keiner Zeit abgestimmt. Das Stimmungsbild deutet damit auf eine grundsätzlich offene Haltung gegenüber Zell- und Gentherapien unter den Abstimmenden hin, wobei viele ihren möglichen Stellenwert in der Medizin differenziert betrachten.
Das große Interesse und der lebhafte Austausch an den Thementischen machten den Abend zu einem besonderen Erfolg. Auch das Feedback zum Veranstaltungsformat fiel sehr positiv aus. Mehrere Gäste wünschten sich ausdrücklich weitere Gelegenheiten für einen direkten Dialog zwischen Forschung und Gesellschaft.
Die Ergebnisse des Bürgerforums werden derzeit ausgewertet. Eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse, Diskussionspunkte und offenen Fragen wird in Kürze auf der SaxoCell®-Website veröffentlicht.
Veranstaltung und Förderung
Das SaxoCell®-Bürgerforum ist eine Veranstaltung des Zukunftsclusters SaxoCell® in Kooperation mit dem Deutschen Hygiene-Museum Dresden, der Technischen Universität Dresden und dem Zentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD).
Das Bürgerforum fand im Rahmen des Projekts ZUGEHÖRT statt, das durch die Exzellenzmaßnahme „TUD im Dialog“ der Technischen Universität Dresden gefördert wird.

© SaxoCell Cluster / TUD|excite

© SaxoCell Cluster / TUD|excite

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